startseite infos/leistungen teppichfibel programm bazar kontakt

Infos

ÖSTERREICHISCHE ORIENTTEPPICHFIBEL

Impressum
2. Auflage, Mai 2002
Bundesgremium des Handels mit Möbel,
Waren der Raumausstattung und
Tapeten (Einrichtungsfachhandel)
© Johannes Reinthaler

 
INHALTSVERZEICHNIS
 
Grundsätzliches
Geschichtlicher Abriss
Die Bezeichnungen
Erkennungsmerkmale
Die Herstellung
Materialien
Farben und Färben
Alter und Datierung
Worauf man achten sollte
Die Teppichpflege
Bewertungskriterien
Preisfestlegung
Wertfindung für alte und antike Teppiche
Händlerzertifikat
Gutachten
Informationsliste über Richtwerte
Standesregeln
 

Geschichtlicher Abriss

Die primäre Frage in der Entwicklungsgeschichte des Orientteppichs ist die nach der wahren Herkunft und weshalb der Teppich im Orient und nicht in Europa, in Nord- oder Südamerika, in Afrika etc. entstanden ist. Überall auf der Welt gibt es Stoffe und Textilien (Kelims). Sie wurden 5 in erster Linie als Decken oder für Kleider, Prunkgewänder hergestellt. Der Knüpfteppich jedoch hat seine Wurzeln ausschließlich im Orient und dessen Ausläufern.
Man benötigt eine Klima- und Vegetationskarte der Erde, um diese Tatsache schlüssig zu klären: Überall dort, wo der Mensch „seßhaft“ leben kann, sei es im Norden in einem Blockhaus oder im Süden in einer Schilfhütte, überall wo es durch Jagd, Fischfang oder Ackerbau genügend Nahrung gibt, werden keine Teppiche benötigt.

Dort hingegen, wo sowohl die Vegetation als auch das Klima den Menschen zwingen, ständig auf Nahrungssuche für sich und seine Herde zu sein, entsteht Nomadismus, das ununterbrochene Umherziehen in großen Sippen. Aus der Herde, dem Nahrungsvorrat, muß man alles, was man zum Leben braucht, beziehen: Fleisch, Milch und Wolle. Die Behausung muß denkbar einfach und leicht transportabel sein. Die Höhle, das Haus oder die Hütte werden mit Fellen oder Matten flexibel aufgebaut: Zelthaut und Zeltmatten entstehen.

Die Idee des Fellersatzes - um Tiere nicht schlachten zu müssen - führt zur „Erfindung“ einer Wollmatte, eines Teppichs. Wolle wird quasi geerntet und als Baumaterial verarbeitet: Alles was in der Hütte die Wand, das Dach, den Boden, später auch Tisch, Bett, Sessel etc. ausmacht, ist beim Nomaden aus Wolle. Nicht nur Zelthaut und Matten, sondern Speisetücher, Schlafteppiche, Vorratstaschen, Wiegen, Zeltbänder, Salztaschen, Pferdedecken etc. entstehen.
Viele Jahrhunderte vor dem Beginn unserer Zeitrechnung dringen wilde Reiterhorden aus den nordostasiatischen Steppen in den Raum Buchara, Zentralasien, ein. Völkerwanderungsgleich stoßen im Laufe der Geschichte immer wieder riesige Volksgruppen nach und verdrängen die bereits existierenden weiter in den Kaukasus, ins anatolische und persische Hochland sowie über den Fluss Oxus (Amu Darja) ins heutige Afghanistan. Es handelt sich um große Gruppen von Turkvölkern die – in sehr harten, rauen Klimazonen – den Nomadismus und damit den Filz, Kelim und Knüpfteppich entwickeln und verbreiten.

Die zweite Frage ist jene der technischen Bearbeitung des „Werkstoffes“ Wolle. Was war am Anfang? Kelim oder Knüpfteppich oder ...? Auch hier sind sich die Forscher einig: Der erste Mensch oder der erste angehende Nomade beherrschte noch nicht das Verspinnen der Wolle, was als Voraussetzung für das Weben eines Stoffes (Kelims) notwendig ist. Somit dürfte feststehen, dass Filzmatten noch vor den ersten Web- oder Knüpfteppichen entstanden. Wolle unter Einfluss von Druck, Wasser und Bewegung verfilzt zu einer wasser- und windundurchlässigen Matte, der Walkjanker aus der Obersteiermark ist hinlänglich bekannt.

Mit dem Spinnen von Wolle können Fäden und Gewebe entstehen. Die auf einen Webrahmen gespannten Fäden (Kette) werden mit Querfäden (Schuss) durchzogen, der Kelim entsteht. Kelim ist der Oberbegriff für alle „florlosen“ Gewebe, Wickel- und Wirktechniken wie Sumakh, Verneh, Cicim, Zili etc. inkludiert.

Der Kelim ist also die Vorstufe zum Knüpfteppich: Weicher und isolierender wird der Kelim, wenn - ähnlich dem wärmenden Fell - noch eine dritte Dimension hinzukommt, nämlich das Einhängen von Fäden in das Grundgewebe. Die türkischen oder persischen „Knoten“ sind nicht mit den Knoten, die beim Binden des Schuhbandes entstehen, zu verwechseln: Es sind Schlingen, eingehängte Fäden über zwei Kettfäden, die mit den nächsten Schussreihen festgeschlagen werden. Sowohl beim Knüpfen als auch beim Wirken entsteht das Muster Reihe für Reihe und wird mit den an das Grundgewebe festzuschlagenden Schüssen befestigt. Diese Schüsse sind nach Fertigstellung der jeweils nächsten Knoten- oder Wirkreihe nicht mehr sichtbar, da die höheren musterbildenden Reihen die Schüsse überdecken.

Somit kann in der Entwicklungsgeschichte des Orientteppichs in der Reihenfolge der Filz, dann der Kelim und schließlich der Knüpfteppich festgehalten werden. Stufe 1 und 2, Filz und Kelim, tauchen, wie bereits erwähnt, an vielen Stellen der Welt auf, der Knüpfteppich bzw. die Herstellung aller drei Techniken ist das Charakteristikum jener Klimazone, in der der Mensch nur als Nomade und nicht seßhaft leben 7 kann: nämlich in den Hochländern und Wüstenrändern des Orients, die diese Erfordernisse erfüllen. Diese Definition lässt sich überall belegen: In Mesopotamien beispielsweise, also mitten im Orient, wo Ackerbau an Euphrat und Tigris betrieben werden kann, haben die dort sesshaften Völker zwar Filze und Kelims produziert, jedoch nie Teppiche geknüpft.

Nun bleibt die Frage, wann Teppiche entstanden sind und wie sie anfänglich aussahen. Der älteste erhaltene Teppich, der „Pazyrik-Teppich“, ist rund 2.500 Jahre alt. Er stammt aus dem Altai-Gebirge und ist heute in der Eremitage in St. Petersburg zu besichtigen. Sein technischer und künstlerischer Standard sowie andere Forschungsergebnisse belegen, dass es sich zwar um den ältesten bisher bekannten, aber mit Sicherheit nicht um den ältesten oder ersten Teppich der Welt handeln kann. Das Entstehen des ersten Teppichs mit dem Nomadentum kann nur vermutet werden. Die ersten Muster dürften auch denkbar einfach gewesen sein, war doch die Funktion Fellersatz. Der Drang des Menschen zu gestalten - sei es in Höhlenmalereien oder später Keramik- dürfte auch beim textilen Bedarfs-gegenstand bald zum Ausdruck gekommen sein. Erste Muster lassen sich leicht definieren: Die rechtwinkelige Struktur von Schuss und Kette gibt - im Gegensatz zur Buchmalerei oder Keramik - alle Grundformen vor: Streifen, Quadrate, Rechtecke, Oktogone ... sind und bleiben über Jahrtausende das Grundelement für alle Teppiche, geknüpft oder gewebt. Eine Untersuchung ergab, dass alle Kelims und Knüpfteppiche der Welt(!), (alle Fragmente, Grabbeigaben und Museumsstücke) aus der Zeit vor Christus bis einschließlich ca. 1500 nach Christus zwei fixe Erscheinungsformen zeigen:
Sie sind erstens rein geometrisch, und zweitens zeigen alle ein Flechtwerkmuster, d.h., die Innenfelder sind mit rein geometrischen Rauten, Quadraten, Oktogonen etc. durchgemustert.

Die Idee, ein „Flechtwerk“ zu produzieren, führte also jahrtausendelang zum „Flechtwerkmuster“. Wenn man sich in diesem Zusammenhang die geflochtene Sitzfläche eines alten Thonet-Sessels vorstellen kann, so versteht man besser, dass sowohl die Fäden oder Bänder des Flechtwerkes als auch die reziprok entstehenden Zwischenräume (die Löcher oder freien Stellen, Oktogone, Sechsecke etc.) das Primär- oder Sekundärmuster des Innenfeldes bilden können.

Die über Jahrhunderte und Jahrtausende nur geometrischen und durchgemusterten Teppiche integrierten starke Merkmale des jeweiligen Klimas sowie Gedankengut aus Mythologie und Religion, aber auch aus dem täglichen Erfahrungs- und Lebensbereich. Für den schriftlosen Nomaden wird der Teppich mehr und mehr zum lesbaren Piktogramm, zum Kultobjekt oder Kulturgegenstand, weit über den rein dekorativen Herzeige- oder Verkaufsgegenstand hinaus: Er entstand ursprünglich nur für den Eigenbedarf. Die Vielfalt an Muster und Motiven, die Vernetzung vieler Kulturen, die ethnologischen, aber auch klimatischen Eigenheiten führten zur traditionellen Verwendung bestimmter Farben, Motive, sogar zur Verwendung bestimmter Techniken und Proportionen jedes Stammes oder Gebietes. So ist es heute möglich, jedes Knüpfwerk geografisch oder ethnologisch und zeitlich recht genau einzuordnen. Am einfachsten ist es, große Klimazonen, Bergland oder Wüstengebiet, vom Charakter her gut auseinanderzuhalten: Die Teppiche aus den Hochländern (egal ob Anatolien, Kaukasus, Atlas ...) sind allesamt bunt, kontrastreich, großflächig, technisch eher grob und hochflorig, alle Wüstenteppiche sind im Gegensatz dazu Ton in Ton, kleingemustert, dünn und feiner. Geht man von Goethes Farbenlehre bzw. Farbkreis aus, so sind die bei den Berglandteppichen verwendeten Farben im Farbkreis gegenüberliegend angeordnet, also in Kontrasten, wie Rot-Grün, Gelb-Blau (siehe Kasak oder Konya). Die Wüstenteppiche hingegen zeigen immer ein deutliches „Nebeneinander“ derselben Farbskala, nämlich Rot in Rot (Buchara), Blau in Blau (Afschar, Persien) oder Gelb und Ocker (in der Wüste Sahara z.B. Tasnacht, Quarzazate).

Um 1500 n. Chr. erfolgte die erste große Wende. Sowohl die Dynastie der Safawiden in Persien als auch die Osmanen in Anatolien produzierten erstmals höfische Teppiche auf Bestellung. Sowohl die Kurve - bisher waren alle Teppiche geometrisch - als auch völlig neue Designs aus der Buchmalerei und Keramik hielten ihren Einzug: Der florale, höfische Prunkteppich war geboren. Die Rosette der Moscheekuppel oder die Gebetsnische Richtung Mekka wurden auf Millimeterpapier gezeichnet und auf den Teppich übertragen. Ebenso entstanden erste Jagd-, Garten- und Vasenteppiche, erstmals wurden nicht nur die dem Nomaden zur Verfügung stehenden Materialien (Schafwolle, Kamel- und Ziegenhaar), sondern auch Baumwolle und Seide verwendet. Auch die kleinen, typischen Zeltformate wurden zum Teil durch riesige Palastformate ersetzt. Beispiele dafür sind der berühmte „Wiener Jagdteppich“ oder der „Seidenmameluk“, beide im Museum für Angewandte Kunst Wien zu sehen, oder der „Ardebil-Teppich“ im Victoria & Albert Museum in London.

Insgesamt gibt es vier höfische Dynastien der verschiedenen Imperien, die im Gegensatz zum bisherigen Nomadenteppich in einem völlig veränderten sozialen Hindergrund sowohl Muster und Formen als auch neue Arbeitsprozesse entwickelten. Dies sind:
1. die Osmanen in Anatolien
2. die Mameluken in Ägypten
3. die Safawiden in Persien
4. die Moghulherrscher in Indien.

Wenn bisher eine Person vom Scheren, Spinnen und Färben der Wolle bis zum Spannen des Webstuhles und Knüpfen ohne Vorlage den gesamten geistigen und körperlichen Arbeitsablauf in der Hand hatte, so gab es in den nun entstandenen Manufakturen (manu facere) einen Arbeitsprozess vieler verschiedener Gruppen: Die Knüpferin am Ende der Arbeitsaufteilung hatte auf das Färben der Wolle oder den Entwurf keinen Einfluss mehr. In dieser Zeit knüpften also sowohl die Nomaden – unabhängig vom jeweiligen Herrscher – für den Eigenbedarf, traditionsbewusst geometrisch und vorwiegend durchgemustert (Flechtwerk), als auch der Hof, rein florale Medaillon-, Gebets- und Jagdteppiche im blumigen Charakter mit kurviger Linienführung. Beide Seiten bereicherten sich gegenseitig in Stil und Formensprache. Mit dem Niedergang der Osmanen und der Afghanischen Invasion in Persien, wodurch dieses Reich 1722 politisch, kulturell und wirtschaftlich völlig zerstört wurde, endete der höfische Stil abrupt. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam es zur zweiten entscheidenden Wende: Nicht zuletzt durch die Wiener Weltausstellung von 1873 wurde der Orientteppich weltweit auf breitester Basis vorgestellt. Der Handel und die Bestellungen erreichten bis 1900 ein unvorstellbares Ausmaß. Die Teppiche werden stark abgewandelt bestellt: Für den amerikanischen und europäischen Markt müssen die einst hauchdünnen Teppiche aus den milden Klimazonen dick und hochflorig werden. Ursprünglich wurde im Orient der kostbare Teppich nur barfuß und sitzend benutzt, in unseren Breiten hingegen bohrt man spitze Sesselbeine oder Stöckelschuhe in die samtige Wolle.

Der weitverbreitete Irrglaube, die Strapazfähigkeit hänge einzig und allein von der Florhöhe ab, bewirkte ebenfalls die Produktion von hochflorigen Teppichen (siehe Wollqualität und Dichte der Verarbeitung). Aber auch Farben und Muster wurden bewusst verändert.
Der „Amerikanische Saruk“ in erstmals rosa Tönen oder Berglandteppiche, deren expressionistische kräftige Gestaltung einer ruhigen, den europäischen Holzmöbeln angepassten Ausführung weichen musste, sind zwei Beispiele.

In den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts kam es zu weiteren großen politischen und wirtschaftlichen Umstellungen, insbesondere in den für die Nomaden wichtigen Staaten:
Sowohl die Russische Revolution als auch die Bestrebungen des Hauses Pahlewi im Iran sowie von Kemal Atatürk in der Türkei führten zur weitgehenden Sesshaftmachung der Nomaden, die einerseits die Abgrenzung von Territorien, die Einführung der Schulpflicht und die Einhebung von Steuern erleichterte, andererseits aber das Ende des Nomadentums zur Folge hatte. Manufakturbestellungen hatten in den zwanziger und dreißiger Jahren die ursprüngliche Teppichkultur bereits weitgehend verändert, große Wellen von Massenbestellungen in der Zwischen- und Nachkriegszeit trugen das Ihre bei. Ab 1960 entstanden Kopien traditioneller Muster auch in europäischen Drittländern wie Rumänien und Bulgarien, etwas später, cirka ab 1970, in orientalischen Drittländern, und zwar in Pakistan und Indien, noch später auch in China.
Somit stand und steht neuen Entwicklungen an Muster und Farbe nichts mehr im Wege. Mittlerweile entstehen alljährlich neue Teppicharten mit dem Versuch, Marktnischen zu nutzen und dem Kundengeschmack zu entsprechen. Wer heute gut informiert sein möchte, muß ständig Messen und Märkte besuchen, um am Teppich (Ball) zu bleiben. Die mit dem Modewort „Globalisierung“ gemeinte Veränderung von Technik, Kommunikation und Wirtschaft ist auch am Teppichsektor nicht spurlos vorübergegangen. Ganz im Gegenteil: Die Veränderungen des 20. Jahrhunderts mit dem Aussterben des Nomadentums, dem Sesshaftwerden, den Bestellungen für den europäischen Markt, dem Weichen von Wolle auf weitgehend Baumwolle in der Struktur und dem Entstehen von Manufakturen in den ursprünglichen Teppichzentren und auch Drittländern sind insgesamt größer als die Veränderungen und Entwicklungen der belegbaren, zweitausendfünfhundert Jahre alten Teppichtradition davor. Und wenn man das 20. Jahrhundert herausgreift, so scheint in den letzten zehn Jahren wiederum mehr passiert zu sein als im vorangehenden Teil des genannten Jahrhunderts. Durch die moderne Kommunikation und Marktvernetzung entstehen immer schneller neue Produktionen.

 
  © psilo.at - IT Dienstleistungen