Geschichtlicher Abriss
Die primäre Frage in der Entwicklungsgeschichte
des Orientteppichs ist die nach der wahren Herkunft
und weshalb der Teppich im Orient und nicht in Europa,
in Nord- oder Südamerika, in Afrika etc. entstanden
ist. Überall auf der Welt gibt es Stoffe und
Textilien (Kelims). Sie wurden 5 in erster Linie als
Decken oder für Kleider, Prunkgewänder hergestellt.
Der Knüpfteppich jedoch hat seine Wurzeln ausschließlich
im Orient und dessen Ausläufern.
Man benötigt eine Klima- und Vegetationskarte
der Erde, um diese Tatsache schlüssig zu klären:
Überall dort, wo der Mensch „seßhaft“
leben kann, sei es im Norden in einem Blockhaus oder
im Süden in einer Schilfhütte, überall
wo es durch Jagd, Fischfang oder Ackerbau genügend
Nahrung gibt, werden keine Teppiche benötigt.
Dort hingegen, wo sowohl die Vegetation als auch
das Klima den Menschen zwingen, ständig auf Nahrungssuche
für sich und seine Herde zu sein, entsteht Nomadismus,
das ununterbrochene Umherziehen in großen Sippen.
Aus der Herde, dem Nahrungsvorrat, muß man alles,
was man zum Leben braucht, beziehen: Fleisch, Milch
und Wolle. Die Behausung muß denkbar einfach
und leicht transportabel sein. Die Höhle, das
Haus oder die Hütte werden mit Fellen oder Matten
flexibel aufgebaut: Zelthaut und Zeltmatten entstehen.
Die Idee des Fellersatzes - um Tiere nicht schlachten
zu müssen - führt zur „Erfindung“
einer Wollmatte, eines Teppichs. Wolle wird quasi
geerntet und als Baumaterial verarbeitet: Alles was
in der Hütte die Wand, das Dach, den Boden, später
auch Tisch, Bett, Sessel etc. ausmacht, ist beim Nomaden
aus Wolle. Nicht nur Zelthaut und Matten, sondern
Speisetücher, Schlafteppiche, Vorratstaschen,
Wiegen, Zeltbänder, Salztaschen, Pferdedecken
etc. entstehen.
Viele Jahrhunderte vor dem Beginn unserer Zeitrechnung
dringen wilde Reiterhorden aus den nordostasiatischen
Steppen in den Raum Buchara, Zentralasien, ein. Völkerwanderungsgleich
stoßen im Laufe der Geschichte immer wieder
riesige Volksgruppen nach und verdrängen die
bereits existierenden weiter in den Kaukasus, ins
anatolische und persische Hochland sowie über
den Fluss Oxus (Amu Darja) ins heutige Afghanistan.
Es handelt sich um große Gruppen von Turkvölkern
die – in sehr harten, rauen Klimazonen –
den Nomadismus und damit den Filz, Kelim und Knüpfteppich
entwickeln und verbreiten.
Die zweite Frage ist jene der technischen Bearbeitung
des „Werkstoffes“ Wolle. Was war am Anfang?
Kelim oder Knüpfteppich oder ...? Auch hier sind
sich die Forscher einig: Der erste Mensch oder der
erste angehende Nomade beherrschte noch nicht das
Verspinnen der Wolle, was als Voraussetzung für
das Weben eines Stoffes (Kelims) notwendig ist. Somit
dürfte feststehen, dass Filzmatten noch vor den
ersten Web- oder Knüpfteppichen entstanden. Wolle
unter Einfluss von Druck, Wasser und Bewegung verfilzt
zu einer wasser- und windundurchlässigen Matte,
der Walkjanker aus der Obersteiermark ist hinlänglich
bekannt.
Mit dem Spinnen von Wolle können Fäden
und Gewebe entstehen. Die auf einen Webrahmen gespannten
Fäden (Kette) werden mit Querfäden (Schuss)
durchzogen, der Kelim entsteht. Kelim ist der Oberbegriff
für alle „florlosen“ Gewebe, Wickel-
und Wirktechniken wie Sumakh, Verneh, Cicim, Zili
etc. inkludiert.
Der Kelim ist also die Vorstufe zum Knüpfteppich:
Weicher und isolierender wird der Kelim, wenn - ähnlich
dem wärmenden Fell - noch eine dritte Dimension
hinzukommt, nämlich das Einhängen von Fäden
in das Grundgewebe. Die türkischen oder persischen
„Knoten“ sind nicht mit den Knoten, die
beim Binden des Schuhbandes entstehen, zu verwechseln:
Es sind Schlingen, eingehängte Fäden über
zwei Kettfäden, die mit den nächsten Schussreihen
festgeschlagen werden. Sowohl beim Knüpfen als
auch beim Wirken entsteht das Muster Reihe für
Reihe und wird mit den an das Grundgewebe festzuschlagenden
Schüssen befestigt. Diese Schüsse sind nach
Fertigstellung der jeweils nächsten Knoten- oder
Wirkreihe nicht mehr sichtbar, da die höheren
musterbildenden Reihen die Schüsse überdecken.
Somit kann in der Entwicklungsgeschichte des Orientteppichs
in der Reihenfolge der Filz, dann der Kelim und schließlich
der Knüpfteppich festgehalten werden. Stufe 1
und 2, Filz und Kelim, tauchen, wie bereits erwähnt,
an vielen Stellen der Welt auf, der Knüpfteppich
bzw. die Herstellung aller drei Techniken ist das
Charakteristikum jener Klimazone, in der der Mensch
nur als Nomade und nicht seßhaft leben 7 kann:
nämlich in den Hochländern und Wüstenrändern
des Orients, die diese Erfordernisse erfüllen.
Diese Definition lässt sich überall belegen:
In Mesopotamien beispielsweise, also mitten im Orient,
wo Ackerbau an Euphrat und Tigris betrieben werden
kann, haben die dort sesshaften Völker zwar Filze
und Kelims produziert, jedoch nie Teppiche geknüpft.
Nun bleibt die Frage, wann Teppiche entstanden sind
und wie sie anfänglich aussahen. Der älteste
erhaltene Teppich, der „Pazyrik-Teppich“,
ist rund 2.500 Jahre alt. Er stammt aus dem Altai-Gebirge
und ist heute in der Eremitage in St. Petersburg zu
besichtigen. Sein technischer und künstlerischer
Standard sowie andere Forschungsergebnisse belegen,
dass es sich zwar um den ältesten bisher bekannten,
aber mit Sicherheit nicht um den ältesten oder
ersten Teppich der Welt handeln kann. Das Entstehen
des ersten Teppichs mit dem Nomadentum kann nur vermutet
werden. Die ersten Muster dürften auch denkbar
einfach gewesen sein, war doch die Funktion Fellersatz.
Der Drang des Menschen zu gestalten - sei es in Höhlenmalereien
oder später Keramik- dürfte auch beim textilen
Bedarfs-gegenstand bald zum Ausdruck gekommen sein.
Erste Muster lassen sich leicht definieren: Die rechtwinkelige
Struktur von Schuss und Kette gibt - im Gegensatz
zur Buchmalerei oder Keramik - alle Grundformen vor:
Streifen, Quadrate, Rechtecke, Oktogone ... sind und
bleiben über Jahrtausende das Grundelement für
alle Teppiche, geknüpft oder gewebt. Eine Untersuchung
ergab, dass alle Kelims und Knüpfteppiche der
Welt(!), (alle Fragmente, Grabbeigaben und Museumsstücke)
aus der Zeit vor Christus bis einschließlich
ca. 1500 nach Christus zwei fixe Erscheinungsformen
zeigen:
Sie sind erstens rein geometrisch, und zweitens zeigen
alle ein Flechtwerkmuster, d.h., die Innenfelder sind
mit rein geometrischen Rauten, Quadraten, Oktogonen
etc. durchgemustert.
Die Idee, ein „Flechtwerk“ zu produzieren,
führte also jahrtausendelang zum „Flechtwerkmuster“.
Wenn man sich in diesem Zusammenhang die geflochtene
Sitzfläche eines alten Thonet-Sessels vorstellen
kann, so versteht man besser, dass sowohl die Fäden
oder Bänder des Flechtwerkes als auch die reziprok
entstehenden Zwischenräume (die Löcher oder
freien Stellen, Oktogone, Sechsecke etc.) das Primär-
oder Sekundärmuster des Innenfeldes bilden können.
Die über Jahrhunderte und Jahrtausende nur
geometrischen und durchgemusterten Teppiche integrierten
starke Merkmale des jeweiligen Klimas sowie Gedankengut
aus Mythologie und Religion, aber auch aus dem täglichen
Erfahrungs- und Lebensbereich. Für den schriftlosen
Nomaden wird der Teppich mehr und mehr zum lesbaren
Piktogramm, zum Kultobjekt oder Kulturgegenstand,
weit über den rein dekorativen Herzeige- oder
Verkaufsgegenstand hinaus: Er entstand ursprünglich
nur für den Eigenbedarf. Die Vielfalt an Muster
und Motiven, die Vernetzung vieler Kulturen, die ethnologischen,
aber auch klimatischen Eigenheiten führten zur
traditionellen Verwendung bestimmter Farben, Motive,
sogar zur Verwendung bestimmter Techniken und Proportionen
jedes Stammes oder Gebietes. So ist es heute möglich,
jedes Knüpfwerk geografisch oder ethnologisch
und zeitlich recht genau einzuordnen. Am einfachsten
ist es, große Klimazonen, Bergland oder Wüstengebiet,
vom Charakter her gut auseinanderzuhalten: Die Teppiche
aus den Hochländern (egal ob Anatolien, Kaukasus,
Atlas ...) sind allesamt bunt, kontrastreich, großflächig,
technisch eher grob und hochflorig, alle Wüstenteppiche
sind im Gegensatz dazu Ton in Ton, kleingemustert,
dünn und feiner. Geht man von Goethes Farbenlehre
bzw. Farbkreis aus, so sind die bei den Berglandteppichen
verwendeten Farben im Farbkreis gegenüberliegend
angeordnet, also in Kontrasten, wie Rot-Grün,
Gelb-Blau (siehe Kasak oder Konya). Die Wüstenteppiche
hingegen zeigen immer ein deutliches „Nebeneinander“
derselben Farbskala, nämlich Rot in Rot (Buchara),
Blau in Blau (Afschar, Persien) oder Gelb und Ocker
(in der Wüste Sahara z.B. Tasnacht, Quarzazate).
Um 1500 n. Chr. erfolgte die erste große Wende.
Sowohl die Dynastie der Safawiden in Persien als auch
die Osmanen in Anatolien produzierten erstmals höfische
Teppiche auf Bestellung. Sowohl die Kurve - bisher
waren alle Teppiche geometrisch - als auch völlig
neue Designs aus der Buchmalerei und Keramik hielten
ihren Einzug: Der florale, höfische Prunkteppich
war geboren. Die Rosette der Moscheekuppel oder die
Gebetsnische Richtung Mekka wurden auf Millimeterpapier
gezeichnet und auf den Teppich übertragen. Ebenso
entstanden erste Jagd-, Garten- und Vasenteppiche,
erstmals wurden nicht nur die dem Nomaden zur Verfügung
stehenden Materialien (Schafwolle, Kamel- und Ziegenhaar),
sondern auch Baumwolle und Seide verwendet. Auch die
kleinen, typischen Zeltformate wurden zum Teil durch
riesige Palastformate ersetzt. Beispiele dafür
sind der berühmte „Wiener Jagdteppich“
oder der „Seidenmameluk“, beide im Museum
für Angewandte Kunst Wien zu sehen, oder der
„Ardebil-Teppich“ im Victoria & Albert
Museum in London.
Insgesamt gibt es vier höfische Dynastien der
verschiedenen Imperien, die im Gegensatz zum bisherigen
Nomadenteppich in einem völlig veränderten
sozialen Hindergrund sowohl Muster und Formen als
auch neue Arbeitsprozesse entwickelten. Dies sind:
1. die Osmanen in Anatolien
2. die Mameluken in Ägypten
3. die Safawiden in Persien
4. die Moghulherrscher in Indien.
Wenn bisher eine Person vom Scheren, Spinnen und
Färben der Wolle bis zum Spannen des Webstuhles
und Knüpfen ohne Vorlage den gesamten geistigen
und körperlichen Arbeitsablauf in der Hand hatte,
so gab es in den nun entstandenen Manufakturen (manu
facere) einen Arbeitsprozess vieler verschiedener
Gruppen: Die Knüpferin am Ende der Arbeitsaufteilung
hatte auf das Färben der Wolle oder den Entwurf
keinen Einfluss mehr. In dieser Zeit knüpften
also sowohl die Nomaden – unabhängig vom
jeweiligen Herrscher – für den Eigenbedarf,
traditionsbewusst geometrisch und vorwiegend durchgemustert
(Flechtwerk), als auch der Hof, rein florale Medaillon-,
Gebets- und Jagdteppiche im blumigen Charakter mit
kurviger Linienführung. Beide Seiten bereicherten
sich gegenseitig in Stil und Formensprache. Mit dem
Niedergang der Osmanen und der Afghanischen Invasion
in Persien, wodurch dieses Reich 1722 politisch, kulturell
und wirtschaftlich völlig zerstört wurde,
endete der höfische Stil abrupt. Erst gegen Ende
des 19. Jahrhunderts kam es zur zweiten entscheidenden
Wende: Nicht zuletzt durch die Wiener Weltausstellung
von 1873 wurde der Orientteppich weltweit auf breitester
Basis vorgestellt. Der Handel und die Bestellungen
erreichten bis 1900 ein unvorstellbares Ausmaß.
Die Teppiche werden stark abgewandelt bestellt: Für
den amerikanischen und europäischen Markt müssen
die einst hauchdünnen Teppiche aus den milden
Klimazonen dick und hochflorig werden. Ursprünglich
wurde im Orient der kostbare Teppich nur barfuß
und sitzend benutzt, in unseren Breiten hingegen bohrt
man spitze Sesselbeine oder Stöckelschuhe in
die samtige Wolle.
Der weitverbreitete Irrglaube, die Strapazfähigkeit
hänge einzig und allein von der Florhöhe
ab, bewirkte ebenfalls die Produktion von hochflorigen
Teppichen (siehe Wollqualität und Dichte der
Verarbeitung). Aber auch Farben und Muster wurden
bewusst verändert.
Der „Amerikanische Saruk“ in erstmals
rosa Tönen oder Berglandteppiche, deren expressionistische
kräftige Gestaltung einer ruhigen, den europäischen
Holzmöbeln angepassten Ausführung weichen
musste, sind zwei Beispiele.
In den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts kam
es zu weiteren großen politischen und wirtschaftlichen
Umstellungen, insbesondere in den für die Nomaden
wichtigen Staaten:
Sowohl die Russische Revolution als auch die Bestrebungen
des Hauses Pahlewi im Iran sowie von Kemal Atatürk
in der Türkei führten zur weitgehenden Sesshaftmachung
der Nomaden, die einerseits die Abgrenzung von Territorien,
die Einführung der Schulpflicht und die Einhebung
von Steuern erleichterte, andererseits aber das Ende
des Nomadentums zur Folge hatte. Manufakturbestellungen
hatten in den zwanziger und dreißiger Jahren
die ursprüngliche Teppichkultur bereits weitgehend
verändert, große Wellen von Massenbestellungen
in der Zwischen- und Nachkriegszeit trugen das Ihre
bei. Ab 1960 entstanden Kopien traditioneller Muster
auch in europäischen Drittländern wie Rumänien
und Bulgarien, etwas später, cirka ab 1970, in
orientalischen Drittländern, und zwar in Pakistan
und Indien, noch später auch in China.
Somit stand und steht neuen Entwicklungen an Muster
und Farbe nichts mehr im Wege. Mittlerweile entstehen
alljährlich neue Teppicharten mit dem Versuch,
Marktnischen zu nutzen und dem Kundengeschmack zu
entsprechen. Wer heute gut informiert sein möchte,
muß ständig Messen und Märkte besuchen,
um am Teppich (Ball) zu bleiben. Die mit dem Modewort
„Globalisierung“ gemeinte Veränderung
von Technik, Kommunikation und Wirtschaft ist auch
am Teppichsektor nicht spurlos vorübergegangen.
Ganz im Gegenteil: Die Veränderungen des 20.
Jahrhunderts mit dem Aussterben des Nomadentums, dem
Sesshaftwerden, den Bestellungen für den europäischen
Markt, dem Weichen von Wolle auf weitgehend Baumwolle
in der Struktur und dem Entstehen von Manufakturen
in den ursprünglichen Teppichzentren und auch
Drittländern sind insgesamt größer
als die Veränderungen und Entwicklungen der belegbaren,
zweitausendfünfhundert Jahre alten Teppichtradition
davor. Und wenn man das 20. Jahrhundert herausgreift,
so scheint in den letzten zehn Jahren wiederum mehr
passiert zu sein als im vorangehenden Teil des genannten
Jahrhunderts. Durch die moderne Kommunikation und
Marktvernetzung entstehen immer schneller neue Produktionen.
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