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ÖSTERREICHISCHE ORIENTTEPPICHFIBEL

Impressum
2. Auflage, Mai 2002
Bundesgremium des Handels mit Möbel,
Waren der Raumausstattung und
Tapeten (Einrichtungsfachhandel)
© Johannes Reinthaler

INHALTSVERZEICHNIS
 
Grundsätzliches
Geschichtlicher Abriss
Die Bezeichnungen
Erkennungsmerkmale
Die Herstellung
Materialien
Farben und Färben
Alter und Datierung
Worauf man achten sollte
Die Teppichpflege
Bewertungskriterien
Preisfestlegung
Wertfindung für alte und antike Teppiche
Händlerzertifikat
Gutachten
Informationsliste über Richtwerte
Standesregeln
 

Die Herstellung

Man unterscheidet zwischen zwei Arten von Knüpfstühlen: dem liegenden oder horizontalen oder dem stehenden, vertikalen Knüpfstuhl. Der horizontale Knüpfstuhl wird von den Nomaden verwendet. Er sollte eigentlich gar nicht Knüpfstuhl heißen, da von dem, was wir uns unter Knüpfstuhl vorstellen, bei näherer Betrachtung nicht viel übrig bleibt: vier Pflöcke im Boden mit zwei Querbalken, wo die Kettfäden gespannt werden. Beim Nomaden muß eben alles leicht transportabel bleiben. Wenn es nach ein paar Wochen heißt, man müsse weiterziehen, dann werden diese Pflöcke aus dem Boden gezogen, alles zusammengefaltet und einige Tage später wieder installiert.
Dementsprechend verzichtet der Nomade von vornherein auf jeglichen Perfektionismus. Ganz im Gegensatz dazu ermöglicht der stehende Knüpfstuhl nicht nur andere Arbeitsweisen, sondern andere, auch riesige Formate. Auf Balken oder Metallwalzen (Walzenwebstuhl) werden in den Manufakturen meist Kettfäden aus Baumwolle gespannt, ein oder mehrere Knüpfer sitzen vor dem entstehenden Teppich.
Wenn sie sich langsam nach „oben“ arbeiten, können die Walzen mit den Kettfäden so weitergedreht werden, dass der bereits fertige Tep- Der „Knüpfstuhl“ der Nomaden oder Halbnomaden ist immer denkbar einfach. pichteil nach unten bzw. hinten weitergleitet und die Arbeitshöhe der vor dem Knüpfstuhl sitzenden Frauen beibehalten werden kann.

Je dichter der Teppich werden soll, desto enger liegen die Kettfäden beieinander. Die Breite der Querbalken bestimmt die mögliche Breite des Teppichs, der Abstand der Querbalken zueinander legt die größtmögliche Länge des Teppichs fest. Der Knüpfvorgang beginnt am unteren Ende der Kettfäden.

Zuerst muß, gleichgültig ob ein Kelim oder Knüpfteppich entstehen soll, ein Stück Kelim gewebt werden: Schüsse müssen eingetragen und festgeschlagen werden, um der ersten Knotenreihe des entstehenden Knüpfteppichs Halt zu geben.
Die Knüpferin umschlingt jeweils zwei Kettfäden entweder mit einer asymmetrischen oder einer symmetrischen Masche (je nach Gebiet), genannt persischer bzw. türkischer Knoten. Nach dem Fertigstellen einer Reihe von Knoten werden zwei oder mehr Schüsse eingezogen. Die Schussfäden werden zwischen den Kettfäden durchgeschlängelt. Dann folgt die nächste Reihe von Knoten. So wächst der Teppich langsam, Reihe um Reihe, von unten nach oben. Die Gesamtheit der verschiedenfarbigen Knoten bildet das Muster und wird Flor genannt. Nach vollendeter Knüpfung werden die Seitenränder verstärkt, um den Teppich gegen die bevorstehenden Strapazen besser zu schützen. In Manufakturen wird der Teppich dann auf eine gleichmäßige Höhe geschoren und anschließend gewaschen, gespannt, getrocknet und weich geklopft. Neben den typischen Mustern erkennt der Fachmann die Herkunft des Teppichs vor allem an seinen knüpftechnischen Eigenheiten, die sich von Gebiet zu Gebiet unterscheiden: die Anzahl und Farben der Schüsse, die Höhe des Flors, die Knotendichte, die Art der Seitenrandeinfassung u.v.m. Doch auch der Laie kann erkennen, ob ein Teppich von Nomaden geknüpft wurde, oder aber in einer städtischen Manufaktur.

Feinheit
Feinheitsangaben mit über fünf Millionen Knoten/ m2 klingen fast unglaublich, jedoch wird einem bewußt, was die menschliche Hand zu knüpfen vermag, wenn man auf einem Zentimeter 22 oder 23 Knoten zählen kann. Solch hohe Knotendichten sind zwar möglich, jedoch im allgemeinen nicht notwendig.

Grobe Teppiche werden mit einer Knotendichte von 100.000 bis 120.000 Knoten/m2 auskommen. Als mittelfein wird eine Knotendichte von 120.000 bis 250.000 Knoten/m2 bezeichnet.
Fein schließlich ist alles, was mehr als 250.000 Knoten per Quadratmeter aufweist. Beim Wollteppich ist man bei einer Million Knoten am Quadratmeter bereits an der Grenze des Möglichen. Das feine Seidenmaterial läßt sich indes so dicht verzwirnen, daß Teppiche mit bis zu fünf Millionen Knoten/m2 geknüpft werden können.

Manufakturteppiche
Der Manufakturteppich ist in der Regel durch eine gleichmäßigere Verarbeitung sowie kerzengerade Ränder gekennzeichnet. Man erkennt ihn auch an den blütenweißen Fransen (Baumwollkette). Es werden alle Größen hergestellt. Geknüpft wird an stehenden Knüpfstühlen und nach Vorlagen, für die der Berufsstand der Musterzeichner zuständig ist. Während der Manufakturteppich für den Handel und den Export hergestellt wird, dient der ländliche Teppich in erster Linie dem eigenen Gebrauch.

Nomadenteppiche
Verwendet werden hier die zur Verfügung stehenden Rohstoffe. Kette und Schuss sind deshalb aus Schafwolle oder aus Ziegenhaar. Die meist geometrischen Muster werden auswendig, ohne Vorlage geknüpft, weshalb häufig Phantasie, Kreativität und sympathische Unregelmäßigkeiten sichtbar werden. Selten werden Nomadenteppiche über vier Quadratmeter geknüpft. Es ist bei ländlichen, im Hausfleiß erzeugten Teppichen auch einfach, den klimatischen Ursprung festzustellen. Der Teppich aus den heißen Wüstenregionen ist meist dünn, kleingemustert und Ton in Ton, entsprechend der Landschaft und dem Klima. In den höher gelegenen Regionen bevorzugt man hingegen kräftige, expressionistische Farben, großflächige Muster und einen hohen Flor, der besser gegen den kalten Boden schützt.

 
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